„Wie werde ich Klinikclown?“ – hier findest du es heraus

Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Schöner als Weihnachten und Ferien zusammen – Nina Rodmann über ihren Weg zum Klinikclown und ihre Arbeit als Dr. Löwenzahn“ im „Clown ImPuls“, dem Magazin der Clowndoktoren Wiesbaden e. V., das du hier herunterladen kannst. Die Website der Clowndoktoren Wiesbaden kannst du hier besuchen. Und wenn du noch Fragen hast, melde dich gerne bei mir per E-Mail oder über das Kontaktformular.


Es ist Heiligabend und ich komme aus dem Krankenhaus. Da war ich nicht als Patientin, Besucherin, Pflegekraft oder Ärztin, sondern als Dr. Löwenzahn. Dr. Löwenzahn ist Clown, also ich bin Clown. Vor Jahren hatte ich einen Zeitungsartikel gelesen über Klinikclowns und schon beim Schnupperkurs war klar: Der Clown hat etwas mit mir zu tun und ich mit ihm.

Clown gefunden! #


Also erst mal Grundlagen, Figurenfindung und so, das dauert ein gutes Jahr. Wir verbringen Wochenenden als Kind oder Trottel, improvisieren, lernen die Kunst des Scheiterns und Weitermachens und die des Timings, gießen unsichtbare Blumen und verkörpern Kaffeemaschinen, streiten uns um Stühle und entdecken die Magie, die in der Verbindung zum Publikum liegt. Wir lernen, Impulse wahrzunehmen und ihnen zu folgen, im Moment zu sein, auch mal nichts zu tun, und Slapstick (Stolpern wird Jahre später eins der Markenzeichen von Dr. Löwenzahn sein).

Und so langsam kommen sie zum Vorschein, unsere Clowns. Ihre Gefühle und Körperlichkeit, ihre Kostüme, Stimmen und Namen. Und bei der Abschlussshow steht dann Lilli auf der Bühne, mein Clown. Und Lilli mag die Bühne, aber sie will noch weiter, und zwar ins Krankenhaus.

Seifenblasen und Hygiene #


Und das heißt: noch mehr Clownschule. Die Klinikclownausbildung dauert ein Jahr und umfasst nicht nur das Spielen für Kinder, sondern auch für alte und beeinträchtigte Menschen. Hier geht’s ums Duospiel und um passende Routinen und Requisiten für Kontaktclownerie: Musik, kleine Zaubertricks, clownärztliche Untersuchungen, Handpuppen und natürlich Seifenblasen (zu Hause üben!).

Außerdem Theorie: Wie sieht eine Übergabe im Krankenhaus aus, welche Hygienevorschriften gilt es einzuhalten, wie gehen Kinder verschiedener Entwicklungsstufen jeweils mit dem Tod um und welche Krankheiten gibt es überhaupt? Wir lernen, dass nach einer Bauch-OP Lachen wehtut und wie sich die Arbeit mit Kindern von der mit alten Menschen unterscheidet. Und dass jede Einrichtung ein zusammenhängendes System ist und wir deshalb auch Menschen erreichen, die gerade schlafen oder isoliert sind, und zwar dadurch, dass das Personal durch einen mit uns getanzten Twist beschwingter ins Zimmer geht oder wir den Begleitpersonen zugewinkt haben.

Dann Praxis: Wir gehen in Kindergärten, Seniorenheime und Wohnheime für Beeinträchtigte, mal selbst als Clown, mal als Beobachtende, wir berühren und werden berührt. Das Spiel im direkten Kontakt ist toll und ganz anders als das auf der Bühne, von allen Seiten aus sieht man uns zu und alles verändert sich ständig – kommt da das Ärzteteam, wie reagieren Kinder und Begleitpersonen auf uns, schmeiße ich gleich medizinisches Gerät um und über welchen Stuhl könnte ich als Nächstes fallen?

Und dann, irgendwann nach der Ausbildung, nach Casting, noch mehr Hospitanzen und Probezeit, wird aus Lilli Dr. Löwenzahn von den Clowndoktoren. Traumjobziel erreicht.

Traumjob mit Tränen #


Und der Traumjob bleibt Traumjob auch angesichts der vielen herausfordernden Momente. Da sind Kinder, die palliativ behandelt werden, Kinder, deren Schicksale mich auch noch bewegen, wenn ich das Krankenhaus schon lange verlassen habe. Auch deshalb sind wir immer zu zweit unterwegs, damit wir uns austauschen können. Viele meiner Mitclowns sind schon lange dabei („Ich laufe jetzt seit 15 Jahren gegen Türen.“), einige waren noch nie was anderes als professionelle Clowns, manche sind außerdem am Theater oder im sozialen Bereich.

Gemeinsam erleben wir aber auch alles Schöne, Kinder, die sich durch Musik und Seifenblasen beruhigen, schwer beeinträchtigte Kinder, die mitrocken, Jugendliche, die versuchen, ihr Lachen zu unterdrücken, weil sie eigentlich zu alt für Clowns sind, und Eltern mit Tränen in den Augen, gerade heute, an Heiligabend. Und deshalb kann ich es kaum abwarten, dass die Weihnachtsferien endlich vorbei sind, denn dann geht Dr. Löwenzahn wieder auf Visite – und das ist schöner als Weihnachten und Ferien zusammen.